Journey through paradise
Februar/März 2014 - Endlich angekommen

Der erste Monat in Indonesien ist fast vorüber und nach den ersten ereignisreichen Wochen voller persönlicher Herausforderungen, sowie für die Beziehung mit meinem javanischen Freund, habe ich endlich das Gefühl mit Leib und Seele angekommen zu sein. Nach nur zwei Tagen in unserem kleinen, aber gemütlichen Mietzimmer in Uluwatu (Bali), begann schon die nächste große Reise: Ein Besuch bei der Familie meines Freundes in West Java. Dort lebten wir eine Woche (bis auf zwei Tage, in denen wir in ein anderes Dorf am Strand flohen)24/ 7 umgeben von seiner Großfamilie. Vor allem die sechs Cousinen und Cousins, sowie einige Nachbarskinder im Alter von 0-10 Jahren, waren begeistert nach anderthalb langen Jahren endlich wieder ihren Onkel und die neue „Tante“ zu sehen. Da die Familie streng muslimisch ist, wie die meisten Bewohner Javas, durften wir als unverheiratetes Paar nur im „öffentlichen“ Wohnzimmer zusammen schlafen, was mich große Überwindung kostete. Mein Freund ist auch nicht damit einverstanden, aber hatte sich aus Respekt vor seinen Eltern schon vorher mit der Situation abgefunden. Es waren nur ein paar Nächte, aber ich fühlte mich als würde ich unnötiger Weise – in Bali teilen wir ein 10 m² Zimmer und sind vogelfrei- meiner Privatsphäre beraubt, die ich bisher als natürlich gegeben gekannt habe. Trotz ihrer strikten Traditionen hat mich die Familie, vor allem eine der drei Tanten, sehr herzlich aufgenommen: Alle waren stets um mein Wohl besorgt, bekochten uns reichlich, luden uns unaufdringlich in ihre bescheidenen Zuhause ein; als ich Magenprobleme hatte, massierten mich drei Familienmitglieder gleichzeitig. Da mein Freund und ich nach vier Monaten Fernbeziehung erst wieder zueinander finden mussten, uns wieder an das gemeinsame Leben gewöhnen, bedeuteten die unerwarteten kulturellen Schwierigkeiten in Java auch für unsere Beziehung eine schwere Zeit. Aber wir haben die Herausforderung gemeinsam gelöst und sind stärker aus ihr herausgegangen. Gerade die kulturellen Hindernisse, die durch die gegenseitigen Vorbehalte und Vorurteile unserer beiden Familien gestellt werden,(strikte muslimische Javanesen und nicht-praktizierende, christliche Deutsche)schweißen uns enger zusammen. Wieder zurück in Bali angekommen arbeitet mein Freund wieder sieben Tage die Woche als Surflehrer in einem up-market Surfcamp, in dem vor allem wohlhabende europäische, australische und amerikanische Kunden ihre Ferien genießen. Wir sehen uns jeden Abend, sowie manchmal zum „zweiten“ Frühstück gegen 10 Uhr, oder beim Surfen. Der Tag beginnt für Surfer mit Sonnenaufgang, da zu dieser Zeit die Wellenbedingungen oft am besten sind und diejenigen, die sich mehr fürs Feiern anstatt Surfen interessieren (viele der selbst-erkorenen „Surfer“ auf Bali) noch ihren Rausch ausschlafen. Der indonesische Tagesablauf unterscheidet sich generell vom deutschen: Man steht mit Sonnenaufgang auf, verteilt Opfergaben für die Götter in diversen Mini-Tempeln rund ums Grundstück, heizt das Kochfeuer/ die Gasplatte fürs Frühstück (meistens Reis) an, bringt die Kinder in die Schule (bzw. versucht sie dazu zu bewegen) etc. Im Verlauf des Tages erledigt man gemächlich alle anfallenden Aufgaben rund ums Haus (oft wohnen mehrere Familien in einem ummauerten Grundstück), geht zur Arbeit, tauscht sich mit Nachbarn aus, ruht in der Mittagshitze und erst spät abends kommt die Familie wieder zum Essen zusammen. Nachdem ich nun insgesamt seit drei Monaten mit meinem Freund, zwei seiner Kumpels und zwei Familien in diesem Zimmer wohne, fühle ich mich trotz mangelnder Privatsphäre (man ist nie allein!) sehr wohl hier. Jeder Tag ist eine neue Herausforderung; erst heute hatte ich wieder ein kleines Erfolgserlebnis, als ich trotz Sprachbarriere Schüssel und Löffel aus der Familienküche für meine Cornflakes organisieren konnte. Man darf nicht zu viel von sich selbst verlangen, sondern muss lernen sich über solch kleine Fortschritte zu freuen. Ich habe noch mindestens drei Monate, um mich einzugewöhnen und auf Arbeitssuche zu gehen. Wir leben im Paradies! Das Leben für die Einheimischen hier mag manchen Westlern hart und entbehrungsreich erscheinen, aber im Gegensatz dazu genieße ich die Einfachheit des Lebens: Es geht immer irgendwie weiter, man hat keine wertvollen Besitztümer, um die man sich sorgen muss. Das Leben hier konzentriert sich vor allem auf Liebe und Beziehungen, Freundschaft und Familie sind erste Priorität; genau das fehlt in westlichen Gesellschaften, die auf individuellen Erfolg und Reichtum ausgelegt sind. Geld lässt sich mit ein wenig Geschick aus nahezu allem machen (hierin sind die Indonesier aufgrund des schnellen Bevölkerungswachstums Meister), aber eine Familie wird einem nur einmal geschenkt...
15.3.14 05:01
 


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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Jini (15.3.14 09:04)
Schön, dass du heile angekommen bist, liebe Inga! Ich finde nach wie vor, du bist total verrückt. Es ist sehr spannend was du schreibst und ich freue mich schon auf den nächsten Eintrag. Ist es möglich, auch Fotos mit anzuhängen?
Alles Gute für die weitere Zeit, ich denk an dich. (Und erzähle in der Zwischenzeit immer mal wieder von meiner verrückten Freundin Inga.)

Jini

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